Logbucheintrag vom 01. Dezember 2008

Wo ist Josef?

Gesellschaftlicher Wandel ist nichts Neues, aber stets eine Herausforderung.
Patchworkfamilien, Single-Haushalte und vieles mehr. In heutiger Zeit gelten wertkoservative Vorstellungen und -formen immer weniger. Selbst kreative Kultursoziologen, die das Ohr an der Gesellschaft haben und hatten, sind gefordert, sich stets etwas neues einfallen zu lassen. Über die "Erlebnisgesellschaft" (anno 1992) proklamiert Gerhard Schulze, einer der bedeutendsten Sozialforscher nun "Die beste aller Welten". Er rückbesinnt sich nach jahrelanger Konsumorientierung darauf, dass sich die Werteverfügung wieder verschiebt in eine Richtung, die völlig neu ist: wie werden wir zusammenleben? Kommen wir wieder dahin, wo wir herkommen? War damals wirklich die "beste aller Welten"? Wenn es nach meinem Sohn geht, liegt kein Unterschied zwischen damals und heute.

"Mama, Maria ist alleinerziehende Mutter. Hast du das gewusst?", meint mein Filius beim Auspacken der Krippe. "Wie kommst Du denn darauf?", frage ich vorsichtig nach. "Der Josef hat sich einfach aus dem Staub gemacht! Ich kann ihn nicht finden."

Und es kommt noch besser (ich möchte hier darauf hinweisen, dass mein fast-vierjähriger Sohn sich sicherlich nicht um die Zweideutigkeit seiner folgenden Worte klar war, umso schöner die Geschichte). Nachdem mein Sprössling den gesamten Umzugskarton auf den Kopf gestellt hat, um Josef doch noch zu finden - vergeblich, meint er enttäuscht, fast wütend: "Der war nicht mal in der Kiste mit der Maria." Und Recht hat er. Genauer betrachtet hat sich der gesellschaftliche Wandel bereits vor 2000 Jahren abgezeichnet: Werdende Mutter mit fremden Vater sucht Bleibe. Vermeintlicher Vater macht sich aus dem Staub und die nun alleinerziehende Mutter ist angewiesen auf ein soziales Netz an Heiligen Königen, milden Hirten und großzügigen Herbergsvätern. Dank dieses perfekt gestrickten Netzes ist aus dem Kind etwas großes geworden.

Allen gesellschaftlichen Wandels zum Trotz zeigt diese Geschichte schön, worauf es ankommt: Es ist nicht wichtig, wohinein man geboren wurde, es ist wichtig, welches Netz man um sich strickt. Dass das auch heute funktioniert, zeigt der rasante Wachstum sozialer Netzwerke und deren Plattformen im Internet. Auch hier ist es nicht wichtig, was man hat oder ist, sondern - welchen Stellenwert jeder einzelne sich in dem Netzwerk erobert. Unter diesen Voraussetzungen Kommunikation zu gestalten, ist eine spannende Aufgabe...
...und stets eine Herausforderung.

P.S. Und Schulze hat Recht wenn er in seinem Buch den neuen Common Sense erläutert: "Neue Alltagsformen werden nicht gefunden, sondern konstruiert". Wir haben Josef nicht gefunden...

 

Logbucheintrag vom 29. November 2008

1000 Rosen

Ich liebe die deutsche Sprache. Entgegen einiger Konkurrenzprodukte sind wir in der Lage, durch gekonntes Formulieren und exzellentes Auswählen speziell für die Situation passender Wörter den Nagel auf den Köpf zu treffen. Salz in die Wunde streuen.

Mit der deutschen Sprache ist nahezu alles möglich - klar, direkt und zielgenau. Und darin liegt auch das Problem. Ein schönes Beispiel ist mir Ende der Woche zu Ohren gekommen.

"1000 Rosen" - jede Frau würde sich darüber freuen. In unseren Gefilden schmilzt jede Frau dahin, in Österreich sei das anders. Das verriet mir vergangene Woche ein charmanter Marketingdirektor aus - genau - Österreich. Dem Dialekt zu urteilen ein waschechter "Weaner mid Schmähh". Würden in Deutschland Frauen für 1000 Rosen so ziemlich alles tun, sieht's im Nachbarstaat gänzlich anders aus. Wenn Ihnen, liebe Männer, eine österreichische Frau "1000 Rosen" an den Kopf schmeißt (bitte nicht wörtlich nehmen!), sollte es Ihnen mitteilen, dass Sie selbst mit einem opulenten floralen Bouquet keinerlei Chancen hätten. Darüber hinaus wird mit eben jener Parole das klassische "Hod kaan Wead, verzupf Di!" in charmanter Weise an das Gegenüber kommuniziert.

Was zeigt uns dieses Beispiel: Kommunikation ist ungleich Kommunikation. Die mentalitären Unterschiede sind eindeutig zu beachten. Und: die Österreicher sind einfach charmanter (Achtung subjektiv!, Anm. d. Red.).

Ehrlich gesagt, die Ausführungen des Marketingdirektors fand ich sehr glaubwürdig. Umso mehr wundere ich mich, dass folgendes Lied für schmilzende Herzen sorgt (Kleiner TIPP: Sehen Sie mal auf die ausstrahlende Rundfunkanstalt):

Link: 1000 Rosen für Dich gesungen von Semino Rossi

Logbucheintrag vom 17. November 2008

Mut 2.0 für neue Strategien

Früher war alles viel einfacher. Und besser.
Zur strategischen Vorbereitung für Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen musste beim Auftrag, Zielgruppen zu definieren, nur das kleine, liebevoll im Regal verstaute Büchlein "Targetgroupdefinition for dummies" herausgeholt werden.  In den schon gilben Seiten kurz geblättert, einige Charakteristika mit der vorgefertigten Matrix abgeglichen und schon spuckte uns das Büchlein passendes Millieu samt grundlegender Norm-Strategie, heraus. Wie oft haben kreative Strategen und mutige Marketer das Büchlein verwünscht? Schließlich lies es keinen Raum für Mut und Ausprobieren. Keinen Raum für Bauchgefühl und Spürnasen. Ergo war es einfacher, weil bequemer.

Heute ist alles viel schwieriger. Und trotzdem besser.
Zumindest für Bauchmarketer und Spürnasen. Diese haben es entdeckt: den Draht zur Zielgruppe - das Internet und seine unendlichen Möglichkeiten. Von Web 2.0 und WOMM-Marketing, von Crowd-Sourcing und Idea-Sharing, von Social media & C2C (Marketer lieben 3-buchstabige Abkürzungen!) wird gesprochen. Und wird es auch genutzt? Und wie kann man es nutzen? Ist die rasante Entwicklung des Netzes das Ende von klassischen Corporate Website? Ach ja, wir waren bei der Zielgruppe. Ein tolles Tool, das das kleine Büchlein ersetzt, ist mir über den Weg gelaufen: das Social Technology Profile Tool. Es spuckt keine Norm-Strategie aus, schürt hingegen mit Informationen über Verhaltensmustern von Nutzern das, worauf wir gewartet haben:
Mut 2.0 für neue Strategien.



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